Der Himmel über Jaasam

 

Ich hatte es schon seit geraumer Zeit befürchtet. Nachdem es mich zum wiederholten Male heimgesucht hatte - dieses prägnante Gefühl, in einen Zeit Strudel hinein zu geraten.
Oder wie immer man es sonst nennen könnte. Aber diesmal war noch ein andere Umstand daran teilhabend! Gewissermaßen die Butter zum Brot! Nämlich diese Stimme, die mir bei manchen Gelegenheiten von ihrer Existenz "neben mir" erzählte. Damit meinte sie die Erde aus ihrer Sicht. Sie meinte das sie in einer Parallelwelt lebt, welche Terra Prima heißt. Wir, die Menschen, leben auf Terra Nuova, und wir wurden nach dem Ebenbild des Herrn erschaffen.
Anfangs hatte ich mich geweigert diese Stimme als real zu empfinden. Ich hatte in meinem Leben genug gehört um entscheiden zu können, was echt war und was ich hören "wollte"!
Ich hatte meine Psycho mehr als einmal einem routinemäßigen Stress unterzogen um ständig eine Bestätigung von der "Schaltzentrale" in meinem Kopf zu erhalten, dass ohnehin alles "in Ordnung" ist.
Aber je mehr ich darüber nachdachte, was alles passieren müsste, bevor ich diese Stimme als einen Teil meiner Welt akzeptieren würde, desto lauter wurde sie.
Jetzt zum Beispiel fühlte ich wieder diesen Druck in meinem Hinterkopf. Zunächst nur ganz leicht, gerade dann wenn ich mich in einer bestimmten Haltung befinde. Etwa beim Sport, in der Hocke oder wenn ich die Schuhe schnüre.
Der Druck nimmt dann zu und zieht an den Schläfen vorbei in den Augenbereich. So wie jetzt! Aber ich kann mich bis heute nicht an dieses eigenartige Gefühl gewöhnen.
Etwas stimmt aber heute nicht. Ich fühlte mich irgendwie anders.
Ich kann es mit Worten nicht beschreiben. Nur soviel:
Es ist gar nicht so schlimm wenn man es zulässt, wenn man sich nicht dagegen wehrt!
Also..., es fühlt sich eigenartig gut an.
Aber, irgendwie passt heute alles nicht zusammen!
"Hallo Crissam!"
Schon wieder diese Stimme.
Aber diesmal noch lauter. Aber auch viel näher.
"Crissam!"
Der Rummel um mich herum wurde lauter. Nach und nach schien er seinem Höhepunkt entgegen zu gehen.
Ich hatte das Gefühl als würde ich orientierungslos mit verbundenen Augen zwischen einer Büffelherde am Boden sitzen.
Ich rechnete schon damit, im nächsten Moment von einem überrannt zu werden.
"Crissam!"
ähh...?
"Crissam!"
Sie meint nicht etwa mich?
"Nun wach endlich auf"!
Aber ich bin doch wach!
Oder bin ich nun endgültig reif für die Insel?
Ich versuchte krampfhaft, diese merkwürdige Müdigkeit aus meinen Augen zu wischen.
Schließlich frage ich mich, wie ich eigentlich in diese horizontale Lage kam - stand ich doch noch 
vor wenigen Augenblicken nutzlos in der Gegend herum!
"Hallo Crissam!"
Ach ja! Die Stimme von "drüben!"
"Nun wach endlich auf! Hast du die Khools vergessen? Sie können nicht mehr allzu weit
entfernt sein!"
Khools? Den Namen habe ich schon gehört. Aber WO?
Ja! Genau!
Ein Schmerz in meiner rechten Pobacke ließ mich auffahren.
"He! Das ist nicht fair!" entfuhr es mir.
Ich muss dabei ziemlich dumm ausgesehen haben, denn sie lachte sich halbtot.
SIE?
Jetzt schmerzten auch die übrigen Gehirnwindungen in meinem Kopf. Wie ein Blitz
überkam es mich:
    Das IST Realität! Die Stimme hatte Gestalt angenommen und ich ward meiner Welt entzogen.
Oder wie sollte ich dieses Ereignis sonst nennen?
Ich versuchte erstmal einige aerodynamische Übungen für meine Augenlider um schneller einen klaren
Blick für die filmreife Szene zu erhalten, in welcher ich mich im Moment befand.
"Crissam! Wenn Du nicht sofort auf die Beine kommst, breche ich alleine auf!"
"Was? Wohin? Wann?" stammelte ich und hatte endlich mein linkes Auge dazu gebracht, einige verschwommene Aufnahmen
von der unmittelbaren Umgebung zu schießen.
Oha! Das sieht aber ziemlich entzückend aus! Das war mehr als Man(n) sich in dieser Wildnis wünschen kann.
Genau diesen Gedanke hatte ich auch vor etwa dreissig Monden, als ich Rea das erste Mal erblickte.
"Rea?"
"Ja? Ich bin hier!" kam es hinter einem Affenbrotbaum hervor, der nun von meinem rechten Auge herangezoomt wurde.
Aber, woher kannte ich diese Frau?
Wieso bin ich plötzlich hier, diesem Ort den ich nicht kannte?
Wieso heiße ich Crissam und was hatte ich da eben noch sagen wollen?
Ich meine..., was war da geschehen? 
Aber..., na... , ist auch nicht so wichtig!
Die Khools sind auf dem Weg nach Etryonia, der zweiten Ebene auf Jaasam. Und dort war die Vegetation so üppig, das wir sie nur mit Highland Ponys durchqueren konnten.
Ich vernahm leises Schnaufen und dann ein kurzes Wiehern. Rijkad war schon ganz ungeduldig und wartete darauf, dass wir endlich losritten.
Er war ein Vollbluthengst aus edlem Gestüt und zu jedem Abenteuer bereit. Ich ritt schon seit fast zwanzig Monden auf ihm und er war somit mit allen Feuern gebrannt
die ein Hengst seiner Rasse nur erreichen kann.
Rea kam hinter der Baumgruppe vervor, beide Pferde locker an den Zügeln haltend, und grinste mich an
als hätte sie einen Pflückfisch geschluckt.
Ich dachte einen Moment an die Zeit, die wir bereits gemeinsam ritten. Sicherlich mehr als vierzehn Monde. Nach den ersten fünf lernten wir uns soweit kennen und auch lieben.
Seit drei Monden sind wir nach den Stammesriten  Mann und Frau. Nicht das ich es eilig hätte mit dem Nachwuchs, aber manchmal erscheint mir Rea so perfekt in ihrer Rolle
als Kriegerin, dass es mir beinahe unmöglich war, sie mir als Mutter meiner Kinder vorzustellen.
Ich wollte mir darüber unbedingt Klarheit verschaffen und nahm mir vor, bei unserer Rückkehr die Singarun aufzusuchen. Vielleicht hat sie in der Zeit seit unserem letzten Besuch
an diesen Fernkurs für populäre Verhaltensforschung teilgenommen den sie schon seit sehr langer Zeit absolvieren wollte.
Nach Meinung der Singarin ist die einzig glaubhafte Methode, einer schwangeren Frau die Angst vor dem Schmerz zu nehmen, 
die Transsuggestion.
Im Moment dachte ich an die vielen schönen Tage, die wir schon miteinander verbrachten. Wir hatten auch sehr oft 
viel Spaß bei unseren Ausritten. Und wenn wir mal nichts zu tun hatten, dann standen wir vor jener riesigen Wiese
die ganz genau da aufhört wo unser neues Grundstück beginnt. Es ist die Mitgift ihres Vaters, der auch das Oberhaupt des Clans der Wächter ist. Wir standen im Hüfthohen Sichelgras, welches sich sanft den Windböen hingab und den Eindruck eines überirdischen, grünen Ozeans erweckte!
Meistens ließen wir uns dann einfach rückwärts zu Boden fallen und wälzten uns verliebt und verspielt durch das Gras.
Oder aber wir sahen uns den Fortschritt unseres künftigen Heimes an. Die Bauarbeiten begannen vor etwa zwei Monden nach sehr ausführlichen Besprechungen,
wo wir unseren eigenen Plan zur Durchführung einreichten. Der Clan der Wächter des Zenocrates siedelte sich auf dieser Ebene vor mehr als
zweitausend Jahre an. Damals, als die Hyra das erste Mal Ziel eines teuflischen Planes von der Außenwelt wurde und Zenocrates selbst beschloss,
solche Attentate in Zukunft ein für alle mal auszuschließen, gab es hier unten außer den Khools, einer Handvoll Königsharpien, den Ceras und verschiedener Paradiesvögel
nur die unendliche Weite der saftigsten Ebene von Jaasam. Man konnte an einem Nebelfreien Tag von einem Ende der Ebene zur anderen Seite blicken, noch mehr wenn
man dies um die zwölfte Stunde tat. Dann nämlich sind beide Monde von Jaasam sichtbar. Auf der nördlichen Hemisphäre sieht Luna Maya beinahe wie ein zu groß geratener, durchlöcherter Ball aus Käse aus. Leuchtend gelb zwischen der dichten, blauen Atmosphäre von Terra Primo. Auf der südlichen Seite, in einem äquivalentem Winkel zur Sonne, der beinahe gleichgroße Mond
Ke' Sham. 
Eigenartiger Weise wiederholten sich hier auf Khen diese kurzen Anfälle von Identitätsverlust häufiger, als in den oberen Ebenen!
Dies mag vielleicht daran liegen, da die Zeitverschiebung gemeinsam mit der erhöhten Gravitation, welche durch den zweiten Erdtrabanten
hervorgerufen wird, in den Ebenen oberhalb von Ka'Roonia viel größer ist, und sie in einer Höhe von fast zwölf Wäldern beinahe am Himmel anstoßen.Von dort ist der königliche 
Palast des Zenocrates zum greifen nahe!
Rea lief wie ein Reh herum und hielt dabei Lijander an der Leine. Die Stute kam aus dem selben Stall wie Rijkad.
Aber Lijander war nicht so verspielt wie er, sah aus wie eine Schneerose und vermittelte eine Sicherheit wie sie sonst nur bei den Highland Ponys zu finden ist.
Rea musste all ihr können aufbieten, um die Stute zu einem verspielten Gallopp zu ermuntern.
Ich wandte mich wieder meinen Aufgaben zu.
Nachdem wir die Nacht unter einem riesigen Pappibaum verbracht hatten und eine Feuerstelle errichteten, musste ich nun die Reste des Feuers und die Asche mit etwas Milch
aus den Früchten des Baumes löschen. Hier unten auf Khen gab es eine sehr lebendige Faune. Unter anderem gab es hier Ceras, Einhörner, die sehr Nachtaktiv sind und jedem Geruch nachgehen.
Das Feuer ist auch ein Mittel, um sie von unseren Pferden fernzuhalten. Darauf haben es nämlich die meisten abgesehen. Ein Pferd stellt für Ceras soetwas wie einen Fehdehandschuh dar. 
Sobald es ein Pferd wittert, läuft es los und greift an. Dies endet natürlich meistens mit dem Tod des Pferdes da es ja einem Cera sehr wenig entgegenstellen kann!

Aber diese Aggressivität ist auch der Grund warum Ceras mit den übrigen Geschöpfen dieser Ebene auf Kriegsfuß stehen. Neben der Tiere leben hier auch die Khools.
Khools sind irgendwie zu klein geratene Ausgaben der ehemaligen Lord in diesem Universum und seit je her auf dieser Ebene beheimatet.
"Crissam! 
Kommst du?"
Rea war inzwischen aufgesessen und hielt mir die Zügel von Rijkad herunter.
Ich sah mich noch einmal um ob ich etwas vergessen hatte, zertrat eine liegengebliebene Schale einer Milchfrucht und zog mich dann in den Sattel meines Pferdes.
"Wie fühlst du dich?" fragte ich sie.
Sie sah mich an. Der heitere Gesichtsausdruck war beinahe aus ihrem Gesicht verschwunden.
"Ich bin etwas besorgt wegen der Hyra. Bis wir auf Bandrijo sind, vergehen sicher noch zwölf Sonnenaufgänge! Wir werden ungeahnten Gefahren ausgesetzt sein!"
"Stimmt!" sagte ich.
"Aber..., hast du nicht selbst gesagt, dass wir beide uns so sehr ergänzen, dass darin nicht einmal mehr eine Silbe Platz hätte?!"
Sie seufzte.
Musst du denn immer alles so wörtlich nehmen?"
Sie ritt voran.
"Nun komm schon!" sagte ich. 
"Wir haben diesen Auftrag gemeinsam begonnen und wir werden ihn auch gemeinsam beenden!"
Ich ritt neben sie und nahm ihre Hand.
Auch ich hatte insgeheim über all diese Gefahren nachgedacht. Gefahren, welche praktisch hinter jedem Gebüsch lauern könnten. Erst wenn wir die Savanne
von Al' Samathra hinter uns gelassen haben, haben wir von den niederen Tiergattungen nichts mehr zu befürchten!
Unser nächstes Reiseziel lag etwa drei Sonnenaufgänge vor uns: das Tal von Chi' Amoou, wo vor kurzem noch die Mitglieder der Königsfamilie ihre Zeltlager augeschlagen hatten.
Der Name "Chi' Amoou" stammt noch aus der Zeit der alten Götter und bedeutet soviel wie: "Platz der aufgehenden Sonne".
Jeder der hier einmal an den Quellen von Chi' Amoou sein Lager aufgeschlagen hat, kehrt irgendwann hierher zurück. So steht es geschrieben!
Wenn ich an die Hyra denke, überkommt mich ein sonderbares Gefühl - als berühre ich im Traum ein Relikt aus einer fremden Welt. Wie damals,
vor drei Jahren. Es war der Tag, an dem ich Rea das erste Mal begegnet bin. Ich zog damals mit Ioanni, meinen Weggefährten, nach Wallhaya aus, um in den Highlands
nach wilden Ponys Ausschau zu halten. Der Weg zur vierten Ebene auf Jaasam war der vergleichsweise schwierigste, weil er nicht für höhere Arten bestimmt war.
Die Teleporter durften damals nur Angehörige der Königsfamilie benutzen und wurden erst sehr viel später mit den ID-Modulen für Diplomaten und Kuriere ausgestattet.
Ein Schrei ließ mich aus meinen Gedanken hochfahren.
"...es kommt auf dich zu!" rie Rea mir zu.
Ich sah mich um und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass eine Troponechse einen Angriff auf den Vorratsbeutel startete, welcher seitlich an meinem Sattel festgebunden ist
und beim Reiten hin und her pendelte. Diese Echsen sind Pflanzenfresser und begnügten sich  unter normalen Umständen mit der hier wachsenden Flora, aber etwas von dem aromatischen Geruch der getrockneten Früchte, die ich auf Reisen mit mir trage, schien ihr in das Riechorgan gestiegen zu sein.
Als ich Rijkad zum Galopp ansetzte, schnappte das Maul der Echse zu und verfing sich mit den Zähnen im Leder meiner Satteltasche.
Durch das plötzliche Gewicht der Echse, stolperte mein Pferd und ich machte einen Salto in den Sand der Steppe. Ich sah das der Bauchgurt zerrissen  und die Seite der Satteltasche geplatzt war, wo die Hyra sich darin befand. Beim Aufprall hatte sich der Verschluss geöffnet und das Buch kam zum Vorschein.
Ich hörte Rea's Schrei hinter mir, als ich mich auf das Tier stürzte.
'Zu spät' - dachte ich noch als sich etwas wie ein Schleier auf meinen Augen ausbreitete und ich in ein dunkles Loch stürzte.

Was war passiert?
Hat Rijkad mich mit seinen Hufen am Kopf erwischt?
Ich hatte plötzlich das Gefühl, als würde ich vom Wind in die Höhe geschleudert und durch die Lüfte befördert.
Ich kannte dieses Gefühl bereits und ich ahnte nichts Gutes!
"Oh Nein!" stöhnte ich.
"Nicht schon wieder!"
Ich konnte es nicht fassen. Ich war darum bemüht, mir selbst keine Fragen zu stellen. Kein 'Warum' oder 'Wie'.
Ich fragte mich auch nicht mehr, weshalb gerade mir dies geschieht. Denn, WER könnte mir DARAUF schon eine Antwort geben?
Unter diesen Umständen?
"Verdammt!" sagte ich.
"Mein Kopf schmerzt, als wäre er von Hufen überrannt worden."
"Ach ja?"
Ich vernahm die Stimme so, als würde jemand auf einem uralten, getrockneten Stück Fisch herumkauen.
Dabei fiel mir ein, dass ich ja seit einer Ewigkeit nichts mehr an Nahrung zu mir genommen hatte.
Wieso dachte ich gerade jetzt an Essen?
Stimmt! 
"Hunger!" - meldete mein Magen.
Aber weshalb stand ich dann hier nutzlos vor dem Wäscheschrank anstatt vor dem Kühlschrank?
Kühlschrank?
Was beim Zenocrates  war ein Kühlschrank?
Ich wusste instinktiv das ich mich nie an dieses eigenartige 'Zeitstrudelgefühl' gewöhnen würde.
"Was sagtest du? rief ich zu Rea hin.
"Ich habe schon wieder einen dieser sonderbaren Anfälle, welche seit einiger Zeit scheinbar häufiger auftreten!"
Rea kam aus dem Badezimmer und sah verduzt zu der Figur, die da planlos vor dem Spiegel stand und so tat, als wäre sie hier komplett fehl am Platz.
'Moment mal!' dachte ich.
'Der Spiegel.'
Ja! Das brachte mich auf eine Idee!
Vorsichtig sah ich in die Richtung des Kleiderschranks, auf dessen Türen sich riesige, in Kupfer gerahmte Spiegel befanden.
Erschrocken sah ich Rea an:
"He! Hast du auch diesen eigenartigen Nebel bemerkt?"
Ich bewegte mich langsam um sie herum und griff nach einem Handtuch.
Nervös wischte ich mir den Schweiß von meiner Stirn und wunderte mich, dass ich plötzlich soetwas wie Furcht auf meinem Antlitz erkennen konnte.
Aber mein Verdacht hatte sich bestätigt! Meine Zustände der Schwerelosigkeit und der Attacken an Zeitverschiebungen hatten irgendetwas mit dem Spiegel zu tun!
Ich strich mit meinen Händen über die glatte, kühle Oberfläche des Spiegels.
Einige Stellen waren in all den Jahren "blind" geworden, aber ansonsten schien es sich um einen gewöhnlichen, alten Spiegel zu handeln. Rea merkte von all meinen Gedanken
um dieses Ding gar nichts. Sie schlich sich von hinten an mich heran und umschlang mich mit ihren Armen.
"Na, endlich munter?" fragte sie mich, ohne auf meine vorige Frage einzugehen.
Mein Blick blieb auf den Spiegel gerichtet als ich antwortete:
"Also, ich bin mir nicht sicher. Was denkst du?"
Ihre Finger glitten zwischen meinen spärlichen Brusthaaren umher.
"Wenn ich es nicht besser wüßte, könnte man meinen dass etwas an dir immer noch schläft!" sagte sie
und kniff mich in die rechte Pobacke.
"He!" entfuhr es mir.
"Das ist nicht fair!"
Sie lachte mich nur aus.
"Übst du dich seit neuestem in Phrasendrescherei?" fragte sie mich, offensichtlich vergnügt darüber, wie ich den letzten Satz 
von mir gab.
Ich sah sie erstaunt an.
"In phrasen waas?"
Sie schüttelte den Kopf vor lachen.
"Na, das hast du vorhin schon mal gesagt. Und die Frage, was ich im Moment denke, auch.
Das ist etwas Neues an dir!" schloß sie und küsste mich auf die Stirn.
"So?" fragte ich gespielt gelassen.
In Gedanken ließ ich die letzten Minuten noch einmal vor meinen geistigen Auge Revue passieren.
"Stimmt!" rief ich erstaunt. 
"Und eigenartiger Weise wollte ich gleich darauf betonen, wie wunderschön du bist! 
Komisch, jetzt wo du es sagst fällt es mir auch wieder ein."
Ich sah sie an.
"Bestimmt habe ich Dir auch gesagt wie sehr ich dich liebe, oder?"
"Doch! Hast du! Aber das ist jetzt schon wieder fast eine Stunde her!" rief sie.
Sie ließ mich los und stellte sich so neben mich das wir nun beide in den beiden Spiegeltüren zu sehen waren.
Mein Gesichtsausdruck musste für sie einen bestimmten Reiz auf ihre Lachmuskeln ausgeübt haben, denn es fiel ihr sehr schwer, sich nicht einfach zu Boden fallen zu lassen und einfach loszubrüllen.
Was mich betraf, so war ich mir nicht ganz sicher ob ich auch lachen oder ob ich weinen sollte. Die ganze Situation kam mir sehr vertraut vor, nahm aber zugleich eine Merkwürdige Spannung war welche aus der Oberfläche des Spiegels hervorzutreten schien. Ich konnte mir im Moment keinen Reim darauf machen, aber mit jeder Minute die verging nahm dieses Gefühl, als läge ein Nebel um die weichen Windungen meines Gehirns, ab und ich konnte wieder klarer denken. Doch der Spiegel ließ mir keine Ruhe! Ich starrte in ihn hinein - ließ die Ereignisse der letzten Stunde an mir vorbeiziehen. Ich erinnerte mich an fremde Pferde, an eine unbekannte Wildnis und an ein besonderes Buch..., Ja! Dieses Buch!
"Verdammt! Die Hyra!" entfuhr es mir.
Ich drehte mich um und packte Rea an den Schultern. Sie sah mich erschrocken an.
"Ist es wirklich so schlimm?" fragte sie mich.
"Wahrscheinlich noch schlimmer!" antwortete ich und bemerkte im selben Moment, dass sie mit ihrer Frage meine Kopfschmerzen meinte.
"Rea!" Ich schüttelte sie wieder und sah sie dabei eindringlich an.
"Erinnerst du dich an die Hyra?"
Sie sah mich fragend an.
"Die waas?"
Ich konnte nicht es nicht glauben. Was war nur geschehen?
Ich versuchte, meine langsam zurückkehrenden Erinnerungen so gut es geht in Worte zu fassen.
"Die Hyra! Die heilige Schrift des Zenocrates! Wir sollten sie nach Ka'roonia bringen!"
Ich sah sie fest an. Meine Worte blieben zunächst ohne sichtbare Wirkung. Erst als ich den Namen unseres Herrn aussprach, konnte ich eine Reaktion in ihrer Haltung feststellen.
"Was tun wir hier eigentlich?" kam es nach endlosen Augenblicken des Schweigens.
"Ich meine, WO sind wir hier und WIE kommen wir hier her?"
Sie sah zuerst in Richtung des Fensters und dann zu mir. Als ihr die eigentliche Bedeutung ihrer Worte klar wurde, traten Tränen in ihre Augen und sie klammerte sich an mich.
"Beruhige dich! Wir werden es bald wissen!" antwortete ich und hielt sie fest.
Ich erinnerte mich daran, was den Adepten des Zenocrates in den Klöstern über die Hyra erzählt und gelehrt wurde. Das Buch besteht aus drei Teilen: dem magischen Teil, dem heiligen Teil und dem göttlichen Teil. Für den Studierenden entsteht nach einigen Jahren Kontemplation der ersten drei Teile ein vierter Teil, welcher dem Betreffenden Weisheit bis an sein Lebensende schenkt.
Was mich betrifft, so hatte ich bisher die ersten beiden Teile studiert. Zwar nicht als Adept im Kloster sondern als Kurier des Zenocrates. Dies ist die Aufgabe meines Clans. Wir sind für die Hyra verantwortlich und befördern sie von einem Kloster ins nächste. Bei einigen der Aufzeichnungen war von der Numerologie die Rede. Eigenartig das ich gerade jetzt daran denken musste. Mein Vater hatte mir schon vor Jahren davon erzählt. Auch von den 'Portalen', wie er sie nannte, welche uns mit Terra Nuova verbanden.
Rea hatte inwischen damit begonnen, sich langsam auf die Situation einzustellen. Sie löste sich von mir und ging durch die Räumlichkeiten welche nun einen ganz anderen Eindruck erweckten, als noch vor wenigen Minuten. Wir suchten beide nach irgendwelchen Hinweisen über unseren Aufenthaltsort, nach irgendwelchen Steinen, die in dieses überaus skurille Puzzle hineinpassten.
Rea hielt plötzlich inne und sah mich erschrocken an.
"Crissam! Sieh dir das an!"
Durch eine Schiebetür gelangte ich in den angrenzenden Raum welcher ziemlich groß und hell war. Auf drei Seiten befanden sich große Fenster und ich stellte fest das es sich hier um eine Art Wintervorbau handelte. Rea stand vor einem seltsam geformten Musikinstrument welches auf drei Beinen stand und hielt einen verzeirten Holzrahmen in den Händen, welcher eine Fotografie schmückte. Rea stand sprachlos da und starrte  auf die Aufnahme. Als ich näher kam drehte sie sich um und sah mich mit ausdrucklosem Gesicht an. Ich ahnte schon was ich sehen würde.
"Crissam, was ist geschehen?
Wer sind wir? Warum kann ich mich nicht an diese Fotografie erinnern?"
Ich nahm ihr das Bild aus der Hand, sah es kurz an und mein Verdacht wurde bestätigt. Offensichtlich zeigte es die beidenBesitzer dieses Hauses und die sahen genauso aus wie wir beide. Da es aber zwischen Himmel und Erde keine Zufälle gibt, fragte ich mich nun, was der Grund für dieses Ereignis sein könnte. 
Ich nahm Rea in die Arme und versuchte, beruhigend auf sie einzuwirken.
"Hör zu! Das sind nicht wir beide! Auch wenn sie genau wie wir aussehen! Ich befürchte viel mehr das die beiden aber genau in dem Moment mit uns 'Platz tauschten', als der Kampf mit dem Tropon begann."
Ich dachte an Rijkad und Lijanda. Rea sah mich an und schien meine Gedanken erraten zu haben.
"Was ist mit unseren Pferden? 
Werden sie den Unterschied nicht merken? 
Und was noch wichtiger ist - was passiert mit der Hyra?"
Ich wagte gar nicht daran zu denken was passiert wenn der was zustößt.
"Ja, das ist auch meine größte Sorge." sagte ich.
"Wenn wir je wieder nach Hause kommen wollen, dann müssen wir herausfinden, was hier passiert ist."
Ich sprach es mehr zu mir selbst, denn noch hatte ich keine Ahnung was wir im Moment tun könnten um dieses riesige Fragezeichen welches um dieses Mysterium kreiste, aus der Welt zu schaffen.
Rea klammerte sich bei meinen Worten fester an mich.
"Nach Hause...," sagte sie.
"Nach Hause!" Sie fing zu weinen an.
"Bitte! Bring mich wieder nach Hause!"